Seemannsmission und Seemannsheim Holtenau

Seit über einhundert Jahren gibt es die deutsche Seemannsmission, die im In- und Ausland die Seeleute und deren Angehörige betreut, ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion. Im April 1926 begann offiziell die Arbeit der Seemannsmission in Kiel-Holtenau. Zur damaligen Zeit lag der Schwerpunkt der Arbeit in kurzen Schiffsbesuchen auf den den Kanal passierenden Schiffen.

In der Zeit zwischen den Weltkriegen war die Holtenauer Schleuse ein wichtiger Ort für die Musterung der Seeleute. Damals warteten täglich bis zu 30 Seeleute auf ein neues Schiff. Nicht selten vergingen dabei Wochen, manchmal aber auch Monate. In der halben Stunde, die ein Schiff in der Schleuse lag, entschied sich viele Male am Tag das Schicksal eines wartenden Seemannes. Da die Schiffe nicht vorher meldeten, ob sie Mannschaftsersatz suchten, hieß das für die Wartenden, Tag und Nacht präsent zu sein. Die Lage auf der Schleuse wurde schließlich so katastrophal, daß 1930 die Schleswig-Holsteinische Volkszeitung in einem aufwühlenden Artikel darüber berichtete. Aber es sollte trotz zähem Ringens noch weitere 5 Jahre dauern bis endlich im Sommer 1935 das Holtenauer Seemannsheim eingeweiht werden konnte, damals das kleinste Deutschlands.

Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg

Nicht nur die Arbeit der Holtenauer Kirchengemeinde, auch die der Seemannsmission wurde durch die Nationalsozialisten zunehmend eingeengt – so war beispielsweise das Sammeln für die Seemannsmission verboten. Gleichzeitig übernahm die Abteilung Seefahrt der NSDAP in Holtenau immer mehr originäre Funktionen der Seemannsmission. Schon die Weihnachtsfeier des Jahres 1933 für die Besatzungen der im Holtenauer Vorhafen liegenden Küstensegler wurde von den Nationalsozialisten organisiert, wobei man ein besonderes Augenmerk auf die Schiffsjungen legte, die man wohl ideologisch am leichtesten für sich gewinnen zu können glaubte. Ort der Feier war die Gastwirtschaft "Zur Kanalmündung". Gleichzeitig bewachten Männer des SA-Marinesturmes die besatzungslosen Schiffe.

Neben dem Seemannsheim in der Kanalstraße wurde 1938 durch die NSDAP ein “Heim für Seemannsfrauen” eingerichtet, das der Unterbringung von wartenden Familienangehörigen der Seemänner diente. Während des Zweiten Weltkrieges wurde dieses Haus durch Bomben zerstört. Das hatte zur Folge, daß nach Kriegsende die wartenden Angehörigen anfangs bei Wind und Wetter im Freien stehen mußten, bis 1951 seitens der Kanalverwaltung auf der Südschleuse ein Teil eines Hauses mit 12 Betten und einer Küche als “Seemannsfrauenheim” für diesen Zweck frei gemacht wurde. Heute heißt dieses Haus wieder “Seemannsheim” und dient vorrangig Seeleuten als Unterkunft, die auf ihr Schiffwarten oder in Holtenau abmustern.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden alle verfügbaren Handelsschiffe der Marine zugeordnet oder für den Erztransport aus Skandinavien eingesetzt. Die Seeleute wurden entweder als Marinesoldaten verpflichtet oder blieben auf ihren Schiffen stationiert. Während anfangs die Arbeit der Seemannsmission weiter ging und nun auch Rüstungsarbeiter und Reservisten betreut wurden, erschwerten die Parteidienststellen die Durchführung ihrer Aufgaben immer mehr. So durften keine Schiffsbesuche mehr durchgeführt werden und nicht mehr zu Andachten oder Bibelstunden eingeladen
werden. Fliegeralarme, fehlendes Heizmaterial und fehlende Verpflegung kamen als Erschwernis dazu. Das Holtenauer Seemannsheim wurde erst Marineheim und schließlich Dienststelle des Hafenarztes.

Nachkriegszeit

Es folgten nach dem Krieg der Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und in den Siebziger Jahren der Strukturwandel in der internationalen Seeschiffahrt. Das romantisierend abenteuerliche Bild der Seefahrt, das in früheren Zeiten einmal Wirklichkeit gewesen sein mag, hat mit der "industrialisierten" Seefahrt des 21. Jahrhunderts mit computergestützter Navigation nur noch wenig gemein. Hier stehen Technik und Effizienz im Vordergrund und Personal wird zu einem teuren Luxus. 1970 hatte über die Hälfte der Schiffe eine Liegezeit von mehr als vier Tagen, bereits 1999 wurden dreiviertel aller Schiffe innerhalb von 24 Stunden abgefertigt.

Die Seemannsmission heute

Heute ist die Arbeit der Seemannsmissionen in Schleswig-Holstein jedoch gefährdet, da die kirchlichen Zuschüsse um 50 % gekürzt werden. Der Kieler Seemannsmission fehlen bis zu 35 Tausend Euro im Jahr. Ein Teil des für die Arbeit benötigten Geldes stammt aus der freiwilligen Schiffahrtsabgabe der Reedereien und seit 3 Jahren bemüht sich der Förderverein der Seemannsmission, die finanziellen Lücken zu schließen. Es werden also noch dringend Mitglieder und Sponsoren gesucht!

Viele Menschen haben nur eine oberflächliche Vorstellung von der Arbeit, die die Kieler Seemannsmission mit Seemannspastor, Seemannsdiakon, den beiden Heimleiterinnen der Häuser in Holtenau und auf der Schleuse sowie weiteren angestellten und ehrenamtlichen Helfern rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr leistet. Zu vorschnell wird hier der traditionelle Begriff "Seemannsmission" mit dem Missionieren gleichgesetzt. Dabei geht es eigentlich um eine Mission, einen Auftrag, der an den Seeleuten und ihren Angehörigen zu erfüllen ist. Und dabei ist die Verbreitung der befreienden Botschaft des Evangeliums nur ein Aspekt. Die Seemannsmission sieht sich in der Pflicht, die Seeleute in ihrem Streben nach einem menschenwürdigen Leben zu unterstützen und mit ihnen dafür einzutreten.

Immer noch im Mittelpunkt der Arbeit stehen die Schiffsbesuche, die von Kiel aus bis Flensburg im Norden, Rendsburg im Westen und der Howachter Bucht im Süden durchgeführt werden. Solche Besuche können Stunden, aber auch nur Minuten dauern. Nicht immer sind es lange Gespräche, die geführt werden müssen: es können auch kleine Besorgungen wie eine Telefonkarte sein, mit der ein Kontakt in die ferne Heimat möglich wird. Dazu kommen Geburtstags- und Krankenbesuche und eine Unterkunft für die in Kiel "gestrandeten" oder abgemusterten Seeleute. Aber es gibt auch die Seelsorge bei schweren Unfällen oder Tod.

War es früher das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber den Elementen und des Ausgebeutetwerdens, so herrscht heute vielerorts das Gefühl der Vereinnahmung durch einen völlig technisierten, durchrationalisierten Bordbetrieb vor. Dazu kommen noch die multikulturelle Zusammensetzung der Besatzungen und die immer kürzeren Hafenliegezeiten. Heutzutage sind Seeleute Menschen, die an Bord in einem auf "Leistungserbringung in der Kosten-Nutzen-Relation ausgerichteten Arbeits-, Wohn- und Lebensverbund auf Zeit" leben. In einem solchen Beruf ist es nur noch schwer möglich, seine sozialen Beziehungen aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig treffen die Mitglieder der Seemannsmissionen immer öfter auf problematische Situationen wie die der in den Häfen gestrandeten Seeleute, deren Schiffe an die Kette gelegt worden sind. All diese Umstände machen Arbeit und Anliegen der Seemannsmission zeitgemäßer denn je.

Dabei ist die internationale Zusammenarbeit der Seemannsmissionen über alle Grenzen von Nationalität und Religion hinweg vorbildlich. Hier spiegelt sich die Situation der Seeleute an Bord wieder, in der Menschen verschiedener religiöser und ethnischer Herkunft Hand in Hand zusammenarbeiten müssen. So ist es nur selbstverständlich, daß es auch im kleinen Holtenauer Seemannsheim eine Möglichkeit des Gebets für Seeleute islamischen Glaubens gibt.

Neben dem Haus in Holtenau gibt es noch das vor anderthalb Jahren renovierte Haus auf der Schleuse, dessen ursprüngliche Bestimmung einmal die Unterbringung der wartenden Seemannsfrauen war. Heute bietet es nicht nur Übernachtungsmöglichkeiten für die Angehörigen der Seeleute, sondern auch dem interessierten Schleusenbesucher die Möglichkeit, hier mal eine Tasse Kaffee zu trinken.

Im Seemannsheim werden auch Veranstaltungen und Gesprächskreise durchgeführt. Hier treffen sich die Seemansfrauen und hier probt auch der Lotsengesangsverein Knurrhahn.

Links

  • Im Internet finden Sie Informationen über die Deutsche Seemannsmission und die Station Kiel unter www.seemannsmission.org.

Abb.: Das Seemansheim im Driten Reich.



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