Kanalbau - Kaiser-Wilhelm-Kanal ![]()
Wie
auch beim Bau des Eiderkanals stellte der Bau des Kaiser-Wilhelm-Kanals
eine große ingenieurtechnische Leistung dar. Zwar wurde noch
vieles von Hand gemacht, aber es wurden gleichzeitig die damals
modernsten Maschinen in großem Umfang eingesetzt. Aus heutiger
Sicht wohl am erstaunlichsten ist jedoch die Tatsache, daß der
geplante Kostenrahmen nicht gesprengt wurde, bedenkt man zudem die
Tatsache, daß mit dem Bau in vielerlei Hinsicht technologisches
Neuland betreten wurde. In der Bauphase von 1887 bis 1895 waren bis zu
8900 Menschen, 56 Trocken- und Naßbagger, 90 Lokomotiven und 2500
Kippwagen am Kanalbau beteiligt und es wurden ca. 80 Millionen m²
Erdreich bewegt. Eine vollständige Aufstellung für den
Zeitraum bis zum Jahre 1892 listet folgendes auf:“Zur Fertigstellung dieser Arbeiten sowie derjenigen an den Uferdeckwerken und den Hafen- und Schleusenbauwerken sind durchgehend thätig gewesen: 20 Trockenbagger, 42 Naßbagger, 65 Lokomotiven, 38 Dampfpumpen, 10 Handpumpen, 5 Beton- und Mörtel-Maschinen sowie 13 sonstige Maschinen, 1 787 Transportwagen, 662 Muldenkipper und Schiebkarren, 28 Dampfboote (Bereisungsboote) 37 Schleppdampfer, 11 Dampfprähme, 123 Transportprähme (Schuten), 4 Dampframmen, 3 Zugrammen, 6 Dampfkrähne und 12 Handkrähne, 284 Aufsichtsbeamte, 548 Maschinisten und Heizer, 512 Schiffer, 987 Handwerker, 90 Vorarbeiter und 4 665 Arbeiter und Handlanger, im Ganzen durchschnittlich 7 086 Personen Die größte Anzahl der beschäftigten Personen betrug in den Monaten Juni-Juli 8 893 und die kleinste Anzahl in den Wintermonaten December-Januar 4 760. [...] Zur Bewältigung der mannigfachen für die Aufsichtsbehörde mit diesen großartigen Bauausführungen verbundenen Arbeiten, sowie zurBetriebsführung der Baracken und sonstigen Einrichtungen waren bei der Kaiserlichen Canal-Commissionund den derselben unterstellten Dienststellen im laufenden Berichtsjahre durchschnittlich beschäftigt: 3höhere Verwaltungsbeamte, 59 höhere Baubeamte einschließlich Ingenieure, 4 Landmesser, 60 Bauaufseher, 27 Zeichner und Vermessungsgehülfen, 73 Büreaubeamte, 6 Baracken-Inspectoren, 46 Barackenverwalter, Gehülfen und Köche, 12 Krankenwärter, 1 Werkmeister, 33 Baggermeister, Schiffsführer und Maschinisten, 3 Telegraphenaufseher und 5 Schleusen- und Brückenmeister.” Folgte der neue Kanal auch auf weiten Strecken dem Eiderkanal, so mußte insbesondere der Abschnitt zwischen dem Auberg und Gut Knoop / Gut Projensdorf begradigt werden. Beiderseits der Baulinie wurde ein ca. 20 Meter breiter Streifen abgegrenzt, um eine ungehinderte Bauausführung zu gewährleisten. An der Mündung des Eiderkanals gingen insbesondere die dortigen Salzwiesen verloren, da hier die heutigen Alten Schleusen entstanden. Besitzer dieser Gebiete waren die Hufner Johann und Gustav Schmidt, Reuter, Friedrich Schmidt und im Gebiet des Aubergs der Ziegeleibesitzer Hans Chr. Rathmann. Die gesamte projektierte Kanalstrecke wurde in 4 so genannte “Bauamtsdistrickte” unterteilt, jeweils unter der Oberleitung eines Bauamtsinspektors, dem weitere Baubeamten unterstellt waren. Für die Oststrecke vom Kanalkilometer 65,15 bis zur Kieler Förde war das Bauamt IV unter dem Wasserbauinspektor Sympher zuständig. Diese Strecke war insofern ein besonders schwerer Abschnitt, weil hier die Bauarbeiten mit dem Verkehr auf dem Eiderkanal koordiniert werden mußten. Weiterhin mußte die Wasserspiegelsenkung der Obereider bewerkstelligt werden. Während die Bauämter die Durchführung des Kanalbaus zu überwachen hatten, erfolgte die Ausführung selbst durch private Unternehmer. Für die Erdarbeiten wurden für die gesamte Kanalstrecke 15 Loose ausgeschrieben und bis zum Sommer 1888 an die Bauunternehmen übertragen. Auf den letzten 10 Kanalkilometern erhielten die Firmen “Ph. Holzmann & Co.” aus Frankfurt und “L. Degen & D. Wiegand” aus Thorn bzw. Mainz den Zuschlag. An den Erd- und Mauerarbeiten war auch die in Holtenau ansässige Firma “Förster&Cordes” beteiligt, die mit einem Auftragsvolumen von 5,2 Millionen Mark den sechstgrößten Auftrag erhielt. Der Pomp und das Pathos der Grundsteinlegung, die kaiserlichen Besichtigungstouren während der Bauphase und schließlich die alles überragenden Eröffnungsfeierlichkeiten ließen die Zeitgenossen und lassen uns auch heute noch leicht vergessen, daß es – wenn sie auch das große Werk in Gang gesetzt hatten – nicht die hochgestellten Persönlichkeiten und gekrönten Häupter des Wilhelminischen Kaiserreichs waren, die das Bauvorhaben in die Tat umsetzten, sondern fähige Ingenieure und vor allem ein Heer von Arbeitern aus aller Herren Länder. Dieses Arbeiterheer änderte seine Größe je nach Bauphase und erreichte im Sommer 1892 mit knapp 8.900 Mann seine höchste Zahl. Die Arbeiter standen im hierarchisch organisierten Wilhelminischen Kaiserreich auf einer der untersten sozialen Stufen und von vorne herein unter dem Generalverdacht der Sozialdemokratie oder sogar der Anhängerschaft zum Kommunismus. Schon während des kaiserliches Zuges durch Kiel im Rahmen der Grundsteinlegung war der größte Teil der Kieler Arbeiterschaft den Feierlichkeiten fern geblieben. Und wenn während des Kanalbaus von den Arbeitern die Rede ist, dann gewinnt man den Eindruck, daß sich die Obrigkeit vor allem damit beschäftigte, diese vom Alkohol fern zu halten. Der ganze Kanalbau, die Unterbringung und die Versorgung der beschäftigten Arbeiter waren folglich militärisch durchorganisiert. Als Arbeiterunterkünfte wurden an der Baustrecke entlang mehrere durch Offiziere geleitete Barackenlager errichtet und dort wurde dann auch für die Verpflegung gesorgt. In Holtenau wurden Baracken für 300 Arbeiter in unmittelbarer Nähe der Schleusenbaustelle errichtet, womit Holtenau nach Brunsbüttel und neben Levensau zu den größten Lagern gehörte. Wie sehr man sich um das leibliche Wohl der Kanalarbeiter bemühte wurde in den amtlichen Mitteilungen des Kaiserreiches immer wieder hervorgehoben: “Für die beim Kanalbau beschäftigten zahlreichen Arbeiter ist in vorzüglichster Weise gesorgt. 36 musterhaft ausgeführte Baracken mit je 100 Betten bieten ihnen einen gesunden Aufenthalt. Außerdem befinden sich in einem großen Verwaltungsgebäude die Koch- und Gasträume, mehrere Verkaufsläden, sowie eine Speiseund Versammlungshalle, und alle Lebensbedürfnisse werden den Arbeitern zum Selbstkostenpreise geboten.” Neben der Unterbringung und Verpflegung wurde auch die medizinische Versorgung preußisch exakt organisiert, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die bitteren Erfahrungen, die man während des Eiderkanalbaus gemacht hatte, als es zu einer Art Sumpffieberepidemie kam. So führte auch die Choleraepidemie, die 1892 in Hamburg ausgebrochen war, nur zu 3 Cholerafällen mit Todesfolge unter den Kanalarbeitern. Es wurden zur Sicherheit an fünf Stellen eigens “Choleralazarette” errichtet. Die Gesundheitsüberwachung lag in Händen des Marine-Oberstabsarztes Dr. Gutschow, der die Barackenlager und Arbeitsstellen vierteljährlich besuchte. Weiterhin wurde eine Zwangskrankenkasse eingerichtet, zwei Lazarette gebaut und Abmachungen mit den nahe der Baustrecke gelegenen Krankenhäusern getroffen. All dieses hatte zur Folge, daß der Gesundheitszustand der Kanalarbeiter ganz anders als beim Bau des Eiderkanals außerordentlich gut war. Auch die seelsorgerische Betreuung der Arbeiter durch Geistliche, die so genannten “Kanalbaracken-Geistlichen” war genau geregelt. Hier liegt auch die Keimzelle der Holtenauer Kirchengemeinde begründet. Die Arbeiter kamen nicht nur aus Deutschland, sondern neben den nordischen Ländern auch aus Polen, Rußland und Italien. Es wurde 12 Stunden am Tag gearbeitet, unterbrochen nur von einer halbstündigen Mittagspause. Für die einfachen Arbeiter betrug der Stundenlohn 28 bis 32 Pfennige. Die Handwerker erhielten einen Stundenlohn von 45 Pfennig. Die Unterbringung in den Baracken, deren Beheizung, Beleuchtung sowie die tägliche Verpflegung kosteten 65 Pfennige pro Tag. Der tägliche Lebensunterhalt betrug damals etwa 1,20 Mark. Lebte ein Arbeiter also sehr sparsam, so konnte er täglich über 2 Mark zurücklegen. Gleichzeitig gab es seitens der Baufirmen immer wieder Versuche, die Löhne zu drücken. So senkte eine Baufirma im Januar 1894 den Handwerkerlohn auf 35 Pfennig, woraufhin diese im Februar 1894 die Arbeit niederlegten. Schließlich wurde der Stundenlohn ab März 1894 wieder auf 42 Pfennig angehoben. In jedem Barackenlager gab es eine Kantine, wo die Arbeiter zu günstigen Preisen zusätzliche Lebensmittel einkaufen konnten: hier kosteten eine große Flasche Bier 8 Pfennig, 250 g Wurst 15 Pfennig, der Liter Branntwein dagegen 80 Pfennig, wohl aus gutem Grund. Die Bauverwaltung des Kanals selbst in Form der Kieler “Kanal-Kommission” verfügte über 340 Beschäftigte, von denen alleine 83 in der Barackenverwaltung tätig waren. Schließlich war der Kanal mit einer Länge von 100 km, einer Breite von 67 Metern und einer Tiefe von 9 Metern fertiggestellt. Es wurden für die unterbrochenen Nord-Süd-Verbindungen zwei Hochbrücken bei Grünental und Levensau mit einer Durchfahrtshöhe von 42 Metern errichtet, dazu kamen weitere 5 Dreh- und Schwimmbrücken sowie 15 Kanalfähren, um die unterbrochenen Nord-Süd-Verbindungen wieder zu schließen. Aus der "Gartenlaube"Im Jahr 1889 berichtete die viel gelesene Zeitschrift "Die Gartenlaube" folgendes über die Bauarbeiten am Kaiser-Wilhelm-Kanal:
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![]() Abb.: Dampfbager um 1910 während der Kanalerweiterung. Im Hintergrund die Kanalstraße. ![]() Abb.: Barackenlager bei Holtenau 1889. |
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