Das Kaiserliche Kanalamt



Der großen strategischen Bedeutung des neuen Kanals entsprechend wurde kein Zivilist, sondern mit dem Kapitän zur See a. D. Piraly einen ehemaliger Militär zum Betriebsdirektor des Kaiser-Wilhelm-Kanals ernannt. Gleichzeitig wurde zur Wahrung der generellen Verteidigungsinteressen am 29. Oktober 1895 der Konteradmiral Richard Aschenborn zum “Marinekommissar für den Kaiser-Wilhelm-Kanal” ernannt.

Überhaupt spiegelte das Erscheinungsbild der Kanalverwaltung den wilhelminischen Obrigkeitsstaat mit seiner fein abgestuften Hierarchie wieder, was beispielsweise in der Kleiderordnung zum Ausdruck kam:

“In einer Vorschrift über die Dienstkleidung des Personals der Verwaltung des Kaiser-Wilhelm-Kanals sind genaue Anweisungen enthalten, wer was und zu welcher Zeit zu tragen hatte. Fein abgestuft geht es von oben nach unten: Oberlotsen (die heutigen Ältermänner), Oberschleusenmeister, Schleusenmeister, Obermaschinisten, Hafenmeister, Kanalmeister 1. Klasse, Lotsen, Schiffsführer, Steuerleute, Schleusenwärter, Fährwärter, Maschinisten und deren Assistenten, Kanalmeister 2. Klasse, Brückenmeister und –maschinisten, Telegraphenaufseher und –meister, Leitungsaufseher, Matrosen, Heizer, Kanalarbeiterkorps und Nachtwächter.”

Zu feierlichen Anlässen mußte Dienstkleidung getragen werden, ansonsten Zivilkleidung mit Dienstmütze, wobei jedoch die Lotsen, Schiffsführer und Schiffspersonal und sogar die Nachtwärter stets die alte Dienstkleidung zu tragen hatten. Die Lotsen hatten außerdem ihr Abzeichen auf Jacke oder Mantel zu tragen, ihre Wintermütze durften sie nur an Bord, niemals an Land tragen und das Säbelkoppel war unter dem Rock zu tragen, wobei die Uniform der Lotsen allerdings auf deren eigene Kosten ging.

Der Kaiserlichen Kanalverwaltung – besser gesagt dem “Kaiserlichen Kanalamt” in Kiel – unterstanden die Wasserbauinspektionen Holtenau und Brunsbüttel mit 5 Kanalmeistereien und die Maschinenbauinspektion Rendsburg mit einer eigenen Staatswerft. In Brunsbüttel und Holtenau wurden Hafenkapitäne eingesetzt, die den Schiffsverkehr an den beiden Kanalausgängen zu beaufsichtigen hatten.

Den Hafenkapitänen unterstanden nicht nur die vier Hafenmeister, sondern auch die Lotsen und anderes im Auftrag der Kanalverwaltung tätiges Personal auf Schleppern oder das Betriebspersonal auf den Schleusen. In früheren Zeiten hatte der Holtenauer Hafenkapitän seine Dienstwohnung in der Kanalstraße Nr. 50. Heute sitzt der Holtenauer Hafenmeister bzw. -aufseher am Tiessenkai.

Der erste Präsident des Kaiserlichen Kanalamtes war der 1907 auf dem Friedhof Holtenau beigesetzte Carl Loewe. Der erste Betriebsdirektor war Admiral a. D. Albertus Petruschky (*1866; †1943), der Hafenkapitän Fuchs und der Kaiserliche Oberlotse Gustav Freiwald.

Das Kaiserliche Kanalamt überdauerte in der einen oder anderen Form die Wirren der Geschichte, zuletzt bestand es in Form des “Kanalamtes Kiel-Holtenau”, das zuletzt als Außenstelle geführt und mit Wirkung vom 1. Dezember 1978 aufgelöst wurde.

Der Siedlungsbau: der Kanalbauverein

Im Zusammenhang mit der Kanalverwaltung entstanden wie einhundert Jahre zuvor beim Bau des Eiderkanals wieder neue Beamtenhäuser und Dienstwohnungen, dieses Mal im Bereich der unteren Kastanienallee im Lindenweg und in der Königstraße. Diese Kanalbeamtensiedlung bestand aus Doppelhäusern mit geräumigen Wohnungen und großen Gärten. 1887 wurden als Dienstwohnung für die acht Schleusenmeister des sich im Bau befindlichen Kaiser-Wilhelm-Kanals die vier Doppelhäuser Königstraße Nr. 27-41 errichtet, zu damaliger Zeit standen diese vier Häuser noch auf einem rings herum unbebauten Gelände, das von den Bewohnern landwirtschaftlich genutzt wurde. Hinter den Doppelhäusern befanden sich kleine Fachwerkhäuser, die ursprünglich als Stall mit Trockentoilette genutzt wurden. Eines solches Fachwerkhaus (“Lütthaus”) findet sich heute noch im östlichen Teil der Lindenallee.

Die Schleusenmeister waren ehemalige Deckoffiziere, d. h. Fachoffiziere der Kaiserlichen Marine für Nautik und Technik, die ihren Dienst abwechselnd in zwei Tageswachen von je 7 Stunden Dauer und einer Nachtwache von 10 Stunden Dauer versahen.

Es stellte sich jedoch schnell heraus, daß der bisher vorhandene Wohnraum nicht ausreichte, um außer den beim Kanal beschäftigten Beamten auch noch die Arbeiter und Angestellten in der Nähe ihres Arbeitsplatzes unterzubringen. So wurde im Jahre 1900 unter Vorsitz des Baurats Johannes Lütjohann (*1854, †1920) der “Kanalbauverein” gegründet, der neue Häuser im Gebiet der ehemaligen Meierkoppel, d. h. nördlich der heutigen Kastanienallee errichtete. Mitglieder des Kanalbauvereins waren vor allem Lotsen, Kanalsteurer und Zollbeamte. Der Kanalbauverein errichtete 80 Häuser und in den Straßennamen zeigt sich der Einfluß des Kaiserlichen Kanalamtes durch die Namen der Bauräte des Kanalamtes Lütjohann oder Hayßen. Das ganze Viertel wurde daher auch das “Baurats Viertel” genannt – oder dem damaligen Zeitgeist entsprechend auch “Kaiser-Wilhelm-Siedlung”. Hauptsächlich wurden zweigeschossige Doppelhäuser mit zwei Frontispitzen, d. h. den giebelförmig vorspringenden Teilen eines Gebäudes, errichtet.

Die ersten Wohnungen des Kanalbauvereins waren schon 1902 fertig gestellt und bezugsfertig. Die Wohnungen hatten 4 Zimmer, Keller, Boden und Waschküche, im Anbau waren Ställe für Feuerung, Hühner, eventuell auch Schweine; dazu kamen jeweils ca. 200m² Gärten. Die Miete betrug 28–35 Reichsmark. Die Dächer waren mit Dachpappe gedeckt. Diese Wohnungen wurden zum größten Teil von Lotsen und Kanalangestellten bezogen. 1905 wurde der zweite Teil der Wohnungen in der Richterstraße, der Kastanienallee und der Richthofenstraße fertig. Im Unterschied zu den 1902 fertig gestellten Häusern waren diese mit Dachziegeln gedeckt. Diese Wohnungen wurden hauptsächlich von Lotsen, Schiffsführern und Maschinisten bezogen. Als dritter und letzter Bauabschnitt wurden Häuser in der Lütjohannstraße errichtet. Für das Schleusenpersonal wurden mit Schiefer gedeckte Doppelhäuser in der Kanalstraße, der Königstraße und dem Lindenweg errichtet. Die Wasserversorgung der so neu errichteten Siedlungen übernahm die Kanalverwaltung, die zu diesem Zweck in der Richterstraße Nr. 2 große Tanks auf 20 m hohen Eisengerüsten errichtete, die von Pumpen im Maschinenhaus auf der Schleuse mit Trinkwasser versorgt wurden.

Siehe auch:




Abb.: Carl Loewe.

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Abb.: Das Haus des Kanalamtspräsidenten. Rechts hinten das Lotsenhaus.


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