20 Jahre Adler I: Kiels älteste "Kreuzfahrtlinie"

Fähre am Anleger.Mit dem hochtrabenden Namen Adler I zieht ein skurriles Wasserfahrzeug tagein, tagaus brummend seine Kreise und verbindet Holtenau mit dem Rest der Stadt. Holtenauer nennen es liebevoll "Schuhkarton" und würden ihre kleine Fähre um nichts in der Welt wieder hergeben.

Aber wie fing es an?

Vor genau zwanzig Jahren rieb man sich die Augen, als im Mai 1984 die Adler-Reederei ihre stattliche Adler III, die noch vielen Holtenauern ein Begriff sein dürfte, aus Kostengründen durch die kleine Adler I ersetzte. Die Enttäuschung über den ungleichen Tausch war groß und man hörte

Bemerkungen wie:  "Hässlich! Das soll ein Schiff sein?" Oder : "Die Badewanne kann doch gar nicht schwimmen!"  Es dauerte aber gar nicht lange, da hatte die wendige und flinke Adler I die Herzen der Holtenauer erobert, denn sie ist mit den vielen Fahrradständern nicht nur praktischer als ihre Vorgängerin, sondern auch leiser und im Winter ist es im kleinen, immer gut beheizten Innenraum so richtig gemütlich.

Was leistet die Adler I?

Morgens, bereits kurz nach 5:00 Uhr, kommt Bewegung in die kleine Adler und ihr Dieselmotor beginnt sich warmzulaufen, damit pünktlich um 5:30 Uhr die erste Tour beginnen kann. Nun wird gekreuzt, alle 7 Minuten zwischen Holtenau und Wik, bis im Winter gegen 21:50 Uhr und im Sommer gegen 22:50 Uhr das Schiff auf der Holtenauer Seite wieder zur Ruhe kommt. Eine reife Leistung, denn wer schafft schon einen derartigen Marathonlauf:

Kapitän GreiswaldAchtung, liebe Adler I Fans, jetzt kommt eine kleine Rechenaufgabe:

Wie oft hat Adler I in ihren 20 Jahren die Welt bereits umrundet? (Lösung bitte mit Namen und Adresse an Bord beim Kapitän abgeben. Gewinner werden benachrichtigt. Als Belohnung gibt es eine Überraschung).

Wer ist die Seele des Schiffes?

Natürlich bewegt sich die Adler I nicht von Geisterhand. Drei bereits auf den Weltmeeren erfahrene Kapitäne (s. Fotos) lösen sich ab und haben jeweils 4 Tage Frühschicht, 4 Tage Spätschicht und 2 Tage frei. Sie sind die Seele des Schiffes geworden und kennen viele Berufspendler bereits als Schulkinder und so manchen Schüler aus dem Babywagen.

"Am Gesicht meiner Schulkinder erkenne ich sofort den Wochentag", schmunzelt Herbert Greiswald. "Montagmorgen schlafen hier alle noch im Stehen neben ihrem Fahrrad und Freitagmittag strahlen die Gesichter."

Langeweile?

Kapitän ZanjouzewskiNeben einer konstanten Anzahl an Berufspendlern und Schülern hat der Tourismus in den letzten Jahren stark zugenommen. Am Wochenende platzt die Fähre oftmals aus allen Nähten, denn dann kommen die Ausflügler, die Touristen der Stadtrundfahrten und viele Familien auf Rädern. Schaulustigebleiben oftmals über mehrere Touren an Bord und genießen die Nähe zu den großen Schiffen.

Dann fahren wir, soweit es die Sicherheit zulässt, nah an die großen Pötte ’ran, und das begeistert die Leute", so Greiswald.

Natürlich ist es für einen richtigen Kapitän auch mal langweilig, immer nur zwischen Holtenau und der Wik zu kurven. Aber Abwechslung gibt es trotzdem und die Verantwortung ist groß. Die Zunahme des Verkehrs auf dem Kanalverlangt wachsame Fahrweise und oftmals muss die kleine Adler I sich richtigdurchschlängeln. Auch Nebel und stürmisches Wetter können zu einer richtigenHerausforderung werden.Seitdem der Festmacher eingespart wurde, ist nur noch der Kapitän an Bord. Bei Gefahrensituationen (Motorausfall, Mann über Bord, etc.) könnte es dann schwierig werden. Wer bleibt am Ruder? Die hilfreiche Hand des Festmachers,der seinen Job gerne weitergemacht hätte, wird von vielen vermisst. Müttermit Kinderwagen, kleinere Schulkinder mit schweren Schultaschen auf denGepäckträgern ihrer Räder und Gehbehinderte fanden durch ihn auf den steilen Treppen zum Anleger meistens Unterstützung.

Richtige Abwechslung in das tägliche Gekreuze bringen jedoch erst die "Sonderfahrten":

Und was wünscht sich ein Kapitän für die nächsten 20 Jahre?

"Weiterhin so eine tolle Verbundenheit zu den Fahrgästen", antwortet Herbert Greiswald und ergänzt augenzwinkernd: "Und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel".

Autorin: Silke Worth-Görtz

Überschrift: Anmerkung der Redaktion zum Thema "Wünsche":

An den Fähranlegern gibt es keine Rampe für Rollstühle und Kinderwagen. Außerdem fehlen auch hier Parkplätze. Auf der Wiker Seite wären sie im Bereich der alten Kohlepier machbar. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, denn dass die kleine Adler I sich zu einem touristischen Highlight Kiels entwickelt hat, merkt man an der Zunahme der Bustouristen von weither. Und für Kreuzfahrer investiert man in Kiel doch gerne, zumal dieser Kreuzfahrer mit Sicherheit nicht von Lübeck oder Warnemünde abgeworben werden kann.

Autor: Redaktion

© Arbeitskreis PRO HOLTENAU 2004